07. September 2010
Dr. Sarrazins Biologie

von Wolfgang H. Deuling

Der wissenschaftliche Super-GAU von Sarrazin besteht aus zwei Behauptungen:

1. Intelligenz ist zu 50 bis 80 Prozent vererbt.

2. Das deutsche Volk wird immer dümmer, weil sich die Minderbegabten überdurchschnittlich reproduzieren.

Zu 1.)

Die von Sarrazin genannte Zahl ist reine Willkür und damit genau das Gegenteil von Wissenschaft. Es ist auch methodologisch überhaupt nicht möglich irgendeine Zahl zu nennen. Hätte er gesagt: Intelligenz ist zu 100% vererbt, hätte das noch einen Sinn ergeben, denn der Mensch, wie jeder andere Organismus, "erlernt" und "erwirbt" - auch kulturell - nichts, was ihm nicht von seinem biologisch/genetischen Potenzial möglich ist.

Politisch und gesellschaftlich bedeutet das: Was unternimmt eine Gesellschaft, um das Intelligenz-Potenzial ihrer Mitglieder auszuschöpfen und zur Entfaltung zu bringen.

Zu 2.)

"Exkurs III: Intellektuelle Retardierung

Die Tatsache der Verminderung der Geburtenzahlen und damit der Verkleinerung der Familie hat in besonderem Maße die Phantasie aller Biologisten beflügelt. Liest man ihre Ausführungen hierzu, dann steht weniger die Sorge einer Überalterung der Bevölkerung im Vordergrund. "Überalterung" ist historisch relativ: 35 Jahre war im Neolithikum uralt, heute sind 35 Jahre weniger als die Hälfte der mittleren Lebenserwartung.

Es geht vielmehr um die Propagandierung einer komplexen Ideologie, die im nebelhaften einer archaischen Fruchtbarkeitsmythologie beginnt, über Elite-, Rassen- und Selektionstheorien läuft und in Auschwitz endete.

Die Parolen dieser Ideologie sind: "Du bist nichts, Dein Volk ist alles"; "Das Deutschtum in der Welt und seine biologische Selbstgefährdung" (Burgdörfer, F., Volk ohne Jugend, Berlin 1932, Seite 126); "Der biopolitische Kampf im östlichen Raum mit besonderer Berücksichtigung der Siedlungsfrage" (Burgdörfer a.a.O., S. 416). Die Konsequenzen dieser Sprüche sind schreckliche, unvergessene Geschichte. Die Zeiten haben sich geändert und die Argumentationsweise des Biologismus auch.

Es wird nunmehr eine "innervölkische Verdummung" beschworen. Mit dieser These, in gehobener Sprache als "Gegenauslese" bezeichnet, hat es folgende Bewandnis:

Tab. 53: Geburtenzahl in Preußen 1912 auf eine Eheschließung nach sozialer Schichtung

Berufsstand
Geburten
Offiziere, höhere Beamte, freie Berufe2
Technische und kaufmännische Angestellte2,5
Gesellen und Gehilfen mit gewerblicher Ausbildung2,9
Fabrikarbeiter, Handlanger ohne gewerbliche Ausbildung4,1
Landarbeiter, Tagelöhner5,2
Quelle: Scheidt, W., Die Träger der Kultur, 1934, S. 126

Die sozial differenzierte Fortpflanzung hat machen Biologisten zu Behauptungen verleitet, die einer gewissen Komik nicht entbehren: Nach biologistischer Auffassung ist richtig organisierte Gesellschaft: "Kampf ums Dasein. Über Leben oder Untergang eines Individuums sollte... nur sein biologischer Wert entscheiden" (Hass, E., Des Menschen Thron wackelt, München 1955, S. 185) Dies muss so sein, denn: "Das ganze System der belebten Natur ist aufgebaut auf dem bekannten >Fressen und Gefressenwerden< " (Hass, a.a.O., S.61)

Seit den Tagen der französischen Revolution sei alles anders geworden: "Seit den Tagen der Guillotine... durchzieht die abendländische Geschichte der krankhaft-tierische Drang nach Vereinheitlichung wie ein roter Faden. Das organisch Gewachsene und Differenzierte steht unter schwerstem Angriff..." (Hass,a.a.O., S. 57). Die "zunehmend dekadenter werdende Gesellschaft" zeichne sich dadurch aus, daß die "kulturtragenden, staatserhaltenden Bevölkerungsschichten" (Hass) sich nicht mehr selbst zu reproduzieren vermögen, damit "hochwertige" Erbanlagen aussterben und hieraus folgend nicht nur eine "sittliche Minderung und Verdummung Europas" drohe, sondern bereits eingetreten sein soll, wie u. a. L. Winter, A. Huth und G. Wirsing (Christ und Welt v. 8. Nov. 1951) feststellten.

Diese Entwicklung wird nach Ansicht dieser Autoren zudem noch durch die zunehmende Urbanisation befördert, denn das Bauerntum ist - mystisch-wahnhaft - der "Urquell" und "Jungbrunnen" des Volkes. (Winter, L., Der Begabungsschwund in Europa, Pähl/Obb. 1959, S. 43) Winter weiß gar zu berichten, daß die Engländer bereits im Durchschnitt dümmer sind als die Deutschen, da in England die Industriealisierung und Verstädterung früher als in Deutschland einsetzte: "Ein Vergleich mit deutschen Verhältnissen würde wohl ergeben, daß die Bauernfamilien in einigen Gebieten Deutschlands noch oberhalb der Begabungsstufe der gelernten Arbeiter einzuordnen wären, denn in einigen Teilen Deutschlands ist das Bauerntum offenbar noch nicht so ausgelaugt wie in den meisten Gebieten Englands." (Winter,a.a.O. S. 60)

Der "zunehmende Begabungsschwund in Europa" wird indes nicht nur behauptet, sondern er wird anhand von Zahlen "bewiesen". So schreibt K.V. Müller, der sich im Dritten Reich durch Arbeiten wie "Zur Rassen- und Gesellschaftsbiologie des Industriearbeiters "; "Der Aufstieg des Arbeiters durch Rasse und Meisterschaft" profilierte und in den 50er Jahren die begabungssoziologische Szenerie der Bundesrepublik beherrschte:

"Wenn die Befürchtungen der Eugeniker nicht leeres Geschwätz waren, so muss sich ja schließlich durch die von ihnen beklagte fortwährende Unterfruchtbarkeit der Begabungsträgerfamilien ein allmähliches Sinken des Begabungspegels als naturgegebene Folgeerscheinung zeigen." (Müller, K.V., Bericht über die Begabtenuntersuchungen Niedersachsens, in: Homo, 1. Bd., 1950, S. 141)

Gemäß dieser Theorie stellte Müller dann auch bei seiner großangelegten begabungssoziologischen Untersuchung in Niedersachsen durch Befragung der Lehrer (sic!) fest, daß vom Geburtsjahr 1932: 17,8%, 1933: 14,3%, 1934: 14,2%, 1935: 11,9%, 1936: 8,4%, 1937: 7,3% zur oberschulwürdigen Begabungsgruppe I gehöre. Extrapoliert man Müllers Werte mit dem durchschnittlichen Begabungsverlust von 2,1% jährlich bis zum Jahrgang 1941, dann hätte dieser bereits keinen oberschulfähigen Schüler mehr. Unter Einbeziehung der Begabungsklassen I-III ergibt sich nach den Zahlen von Müller eine Abnahme der über- und durchschnittlichen Begabungen von 3% innerhalb von 5 Jahren.

Makabrer Schluß: Etwa Mitte des 21. Jahrhunderts befindet sich das Volk der Dichter und Denker auf Hilfsschulniveau. Müller und Kollegen kommen zu solchen abstrusen Ergebnissen, weil sie das Vorurteil der Parallelität der Begabungs- und Sozialschichtung haben." (Extrakt aus: Wolfgang H. Deuling: Die soziokulturelle Dimension der Biologie des Menschen. Eine Auseinandersetzung mit dem Biologismus, Hamburg, 1970)

so wie unser Noch-Bundesbanker Dr. Thilo Sarrazin. Da Sarrazin aber seine Thesen nicht 1950, sondern im Jahre 2010 aufgestellt hat, also 60 Jahre später, wird die deutsche Bevölkerung nicht 2050, wie von seinen früheren Kollegen im Geiste behauptet, sondern erst 2110 die Stufe der Debilität erreichen. Das gibt Hoffnung.

 

 


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